Vorteige- Das Hefestück / Milchbrötchen Rezept

Christina schrieb mir vor einiger Zeit ob ich nicht das Rezept von DDR Milchbrötchen hätte. In diesem Zusammenhang fand ich es gut, gleich über das Hefestück zu schreiben.

Das Hefestück ist der einzige Vorteig, welcher nie „vom Aussterben bedroht“ war. Denn selbst in der dunkelsten Zeit des Bäckerhandwerks, als der Zauberer „Convinience“ in der Fülle seiner Macht ganz viele Westdeutsche Bäcker verzaubert hatte, so dass sie glaubten man könnte mit künstlichen Säuerungsmitteln Brot backen, schaffte der Zauberer es nicht ein Mittel zu hexen welches Stollen ohne Hefestück gelingen lässt. (seine Macht reichte nicht hinter den Eisernen Vorhang, der rote Spuck war viel stärker!) Heute hat der Zauberer aber nicht an Macht verloren. Während seine Macht gegen den Sauerteig nachlässt, höre ich von manchen Kollegen folgende Worte: “ Ich backe nur Pfannkuchen. Spritzkuchen kaufe ich (fertig gebacken und eingefroren) zu, die sind viel billiger als wenn ich sie selber herstelle.“ Die Elfen aus „Slowbaking“ kämpfen einen schier aussichtslosen Kampf gegen diesen tödlichen Zauber. Aber ob sie obsiegen werden???

Hefestück ist notwendig bei mittelschweren und schweren Hefeteigen. Wie schwer ein Hefeteig ist richtet sich nach dem Verhältnis Zucker zu Teigflüssigkeit. Sicher dachten meine Leser bisher genauso wie ich als Geselle: Je mehr Fett im Teig ist, desto schwerer ist der Hefeteig. Aber viel entscheidender für die Entwicklung der Hefezellen ist die Zuckermenge. Und diese im Verhältnis zu der Flüssigkeit die ich dem Teig noch zu geben kann. Je mehr Fett ich dem Teig zusetze, desto weniger Flüssigkeit kann ich an den Teig machen und desto mehr Zucker habe ich…

Das Hefstück dient also dazu „die Hefzellen zu vermehren bevor gärhemmende Zutaten dem Teig zu gefügt werden.“ (diese Definition habe ich nun seid der Meisterschule im Kopf und sie geht nicht mehr weg…)

Bei leichten Hefeteigen dient das Hefestück dazu, einen schönen Hefeteig Geschmack in das Gebäck zu bekommen.

  • Mehlmenge

Die Fachliteratur ist sich einig: Bis zu 50% der gesamten Mehlmenge sollte an das Hefestück. Das richtet sich aber danach, wieviel Flüssigkeit ich noch habe um das Hefestück zu machen. Da wird es bei „guten“ Stollen schon schwierig.

  • Hefemenge

Bei schweren Hefeteigen wie Stollen muss die ganze Hefemenge an das Hefestück.

  • Flüssigkeitsmenge

bei schweren Hefteigen die gesamte Teigflüssigkeit. Bei leichten Hefeteigen richte ich mich nach den 50% Mehlmenge

  • fest oder weich?

in der Fachliteratur steht immer: ein mittel festes Hefestück herstellen. Was immer das bedeutet. Ich habe es mit festen und weichen Hefestücken versucht. Ich kann keinen signifikanten Unterschied feststellen. Aber ich tendiere zu dem weichen Hefestück. Warum weiß ich nicht. Ich bilde mir ein, das Gebäck bekommt dann mehr Volumen. Da ich es aber nicht beweisen kann, ist es vielleicht nur ein „Aberglaube“ von mir.

  • Temperatur

Hier werden in Fachkreisen immer 30° C angegeben. Das Problem ist ganz einfach: Bei 30°C braucht das Hefestück 30 min. Bei 28°C braucht es 45 min. Bei 26°C braucht es ca. eine Stunde. Bei 24°C ist es zu kalt! Dann will ich wahrscheinlich einen Vorteig über Nacht führen :-)

Ich „mag“ es, wenn das Hefestück 45 min „geht“. 30 min ist mir zu schnell. Aberglaube hin oder her! Auf jeden Fall muss man warten bis es reif ist. Man bedeckt es mit Mehl und wartet bis es schön aufgegangen ist und die Oberfläche schön aufreist. Zeitdruck ist hier nicht angesagt. Wenn es dann zusammenfällt (abfrisst) ist es zu lange gewesen. Das ist aber nicht ganz so schlimm.

Hier muss ich mal sagen: Wenn die Hausfrau eine Mulde ins Mehl macht, die Hefe hinein krümelt, Milch in die Mulde gibt und es dann mit der Hand zu einem weichen Teig rührt um es anschließend  „an einem warmen Ort gehen zu lassen“, ist das nichts anderes als was ich hier beschrieben habe.

  • Hausfrauen und ihre traditionellen Stollen Rezepte

Das schlimmste im Leben eines Bäckermeisters ist es, wenn die Hausfrauen ihren Stollen zum abbacken in die Backstube bringen. Der arme Meister muss dann einen Stollenteig wirken, längen und backen von welchem er nicht weiß was da drin ist. Dann darf er auf gar keinen Fall zu dunkel werden, nicht zu trocken backen (also zu lange), nicht breit laufen, fast nichts kosten. Also läuft der Meister während die Stollen im Ofen sind unter dem abmurmeln von Gebeten permanent vor dem Ofen auf und ab.

Dann muss der Meister die Hausfrau auf jeden Fall loben! Ist der Stollen gut geraten, ist die Hausfrau stolz, ist er nichts geworden: Wer ist schuld? NA????

Vor vielen Jahren mußte ich mal weg und habe meinem Chefhauptobergesellen gesagt, er soll doch von Herrn X (welcher ein begeisterter Hobbystollenbäcker ist) die Stollen backen. Ich habe ihm alles erklärt. Aber der Dösbaddel, schon in Wochenendlaune, hat vergessen den Ofen herunter zu stellen und hat die Stollen verbrannt. Dann ist er nach Hause gefahren und ich mußte Herr X das Dilemma erklären. Ich wollte ihm sogar meine Stollen dafür als Ersatz geben, aber er lehnte wütend ab. Noch Heute, nach über 12 jahren, kommt er jedes Jahr, schaut mir in die Augen und sagt die Worte. “ Aber nicht wieder zu dunkel! Ja?“ Da werde ich jedesmal ein paar jahre älter…

Wo war ich… Ach ja. Dann fragen die Hausfrauen. Wann soll ich kommen? Ich sage: Um sieben, denn um acht fahre ich nach Hause.

Um Himmels Willen, dann muss ich ja die ganze Nacht aufbleiben

Das Problem ist, dass die 60jährige Hausfrau das Rezept von ihrer Oma bäckt, weil ihr das als Kind immer soooo schön nach Weihnachten geschmeckt hat. Dann nimmt sie 2 Pfund Hefe vom Bäcker, macht ein warmes Hefestück, läßt es 3 stunden gehen, dann einen warmen Teig mit Butter und Schmalz und reichlich Schnaps. Dann deckt sie den Teig ab, stellt ihn schön warm, am Besten noch am Kachelofen und fährt 6 Stunden (in Worten. sechs Stunden) später zum Bäcker. Der nimmt den Teig aus der wurmstichigen Backmulde und ist froh noch kein Frühstück zu sich genommen zu haben. Denn der Teig riecht: nach vergorener Hefe und nach Schnaps und die Butter läuft überall aus den Poren des Teiges heraus.

Was ist geschehen? Die Hefemenge auf dem alten Rezept richtet sich meistens nach der Hefe vor 100 jahren und die war aus der Brauerei. Die heutige Hefe hat viel mehr „Bumms“.

Meine Hausfrauen machen natürlich nicht solche Stollenteige. Sie haben die Hefemenge auf meinem Rat hin halbiert und lassen den Teig nicht mehr so lange stehn. Sie backen wunderbare Stollen und sind zu Recht stolz darauf.

Ach ja, das Milchbrötchen Rezept!

  • Hefestück
  • 5kg Weizenmehl (405)
  • 0,5kg Hefe
  • 5,0 l Milch
  • Teig
  • 5kg Weizenmehl (405)
  • 0,16 kg salz
  • 0,5 kg Margerine (oder Butter, dann werdens aber keine DDR Milchbrötchen)
  • 1,5 kg Zucker
  • 0,1 kg Backmalz (muss nicht)

Hefestück gehen lassen bis er reif ist. Dann Teig machen. Teigruhe nochmal 30 min. Brötchen aufarbeiten. Während der Gare und vor dem Backen 2-3mal mit Milch leicht abstreichen. Vor dem Backen, bei halber Gare schneiden.

15 min „flott“ backen. Durch den Milchzucker bräunen sie schnell! Also Ofen ca 20°C kälter als bei Brötchen.

Nach dem Backen sofort noch mal mit Milch leicht ab pinseln.

Schmeckt am Besten mit Marmelade oder Mus und ist ein renner bei kleinen Kindern.

22 Antworten

  1. Nach dem Intro: Wie wär’s denn mal mit einem Stollenrezept von Bäcker Süpke? Mit wenig Hefe und gerade genug Butter??? Wäre toll!

  2. Über meine Stollen werde ich noch was schreiben. Unter anderem auch warum ich kein Stollen rezept verraten kann :-)

  3. Danke für das tolle Rezept! Das wird demnächst probier. Wir lieben die DDR Brötchen. Herzliche Grüße aus Österreich
    Heidi

  4. Ich dachte Heidi ist aus der Schweiz! Kleiner Scherz! :-)

  5. Von ganzem Herzen Danke, für die netten Minuten, die ich hier auf dem Blog verbringen durfte…eigentlich habe ich nach Pfefferkuchenrezepten gesucht…und bin über“Stolle“ hier gelandet.Ich hatte am Wochenende die Hände auch im Stollenteig (Geheimrezept von Schwiegermami),den mußte ihn etwas länger gehen lassen als geplant und er sah genauso aus wie oben beschrieben und roch auch so vergoren,denn ich hatte die gute Bäckerhefe (!)besorgt, trotzdem sind die Stollen gut geworden.
    Ich habe herzlich gelacht über den netten Text zum DDR Stollenbacken. Ich bin(damals frisch verheiratet ) mit meiner Schwiegermutter und einer Babywanne voller Teig zum Bäcker gezogen. Als erstes bekam ich gelernt: unser Bäcker kann gut Stolle backen, der Gute läßt die Stollen nicht verbrennen!(Nun weiß ich wie schwer der Bäcker um diesen Ruf kämpfen muß, ich ziehe den Hut.)
    Nach der Wende haben wir erstmal die Stollen gekauft. Aber mit dem Einzug von Allergien in unserer Familie bin ich vorsichtig mit Zusatzstoffen, „naturidentischen“ Aromastoffen udgl.und backe vieles wieder selbst und vor allem die gute Stolle, da weiß man was drinn ist.
    Ich freue mich riesig über Menschen die wieder auf dem Weg zurück zur Natur natürlichere Lebensmittel herstellen, es ist heutzutage nicht einfach, die meisten schauen auf den Preis und fragen nicht was sie da in den Mund stecken.

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Entschluß, alles Gute und viel Erfolg weiterhin wünscht Julia.

    Wenn wir mal wieder in Thüringen sind, müssen wir unbedingt reinschauen, versprochen.

  6. Danke Julia!!!! :-)

  7. ..ein unterhaltsamer und interessanter Bericht :)

    Das Rezept für die Milchbrötchen ist schon auf Haushaltsmenge umgerechnet und wird demnächst probiert…..mit einigen Rosinen drin kann ich mir die auch gut vorstellen – DANKE.

  8. Oder mit Schokostückchen…

  9. DDR-Milchbrötchen…

    Leider lagen die Filialen von Bäcker Süpke nicht auf unserem Weg nach Sachsen, aber auch dort gibt es gute Bäcker, die keine aufgeplusterten Pappbrötchen backen. Unsere Erfahrung: Bäcker die neben großen (L)äden ihre…

  10. Lieber Herr Süpke, der Artikel ist gottvoll – habe sehr gelacht. Er macht jetzt gerade im Bekanntenkreis die Runde, so als kleines Vorweihnachtsgeschenk. Einen lieben Gruß auch von meiner Mutter, sie hat in Leipzig studiert und gearbeitet und sehr, sehr schlimme Erinnerungen an einige „selbstgebackene“ Stollen, die aber zur Erhaltung von Freundschaften und Arbeitsverhältnissen probiert und gelobt werden mussten…Also ich als Nordlicht geh’ jetzt lieber mal zu ebay und bestelle mir einen. Derweil werde ich mich lieber an den schönen Milchbrötchen versuchen und weil ich aber nunmal Holsteinerin bin noch ein paar Rosinen reinhauen, die gehören hier unvermeidlich in ein Milchbrötchen. Gruß SUsanne Ramcke

  11. Hallo,

    eine kurze Fragen….was nimmt Bäcker Süpke für Hefe für seine Teige – Presshefe oder Trockenhefe oder …??

    LG
    Marlene

  12. @Susanne: Vielen Dank uns schöne Grüße an Deine Mutter! Sag ihr: Leipzsch mei Leipsch das lobi mir!

    QMarlene: Ich habe schon öfter die Diskussionen über Hefe im Chefkoch mitgelesen (heimlich :-) )
    Ich nehme nur Presshefe. Für die Vorteige nehme ich eine Vorteighefe. Das ist eine Presshefe die aus einer Weinhefe gezüchtet wurde. Die macht einen besonderen Geschmack und läßt die Vorteige länger durchhalten. Gerade im Sommer.
    Presshefe hält sich max. vier Wochen. Dann wird sie schmierig. Trockenhefe ist Presshefe der die Feuchtigkeit entzogen wurde. Dadurch hält sie sich länger. Dadurch ist sie auch teurer. Wenn man Hefe lange aufheben muss weil man weit weg von einem Supermarkt ist sollte man Trockenhefe nehmen. Sonst hat sie keine Vorteile gegenüber der Presshefe. Ich bekomme ja drei mal die Woche Hefe, also ist Trockenhefe für mich Quatsch. Ich habe vor ein paar Jahren so kleine Hefewürfel verkauft. Die ist die selbe Hefe wie die Presshefe die der Bäcker hat. es wäre für die Hefefabrik unrentabel eine andere Sorte zu machen. ABER: Ich habe festgestellt, das die Würfelhefe meistens schon schmierg war wenn ich sie eingekauft habe. Meine Vermutung ist, das es zu kleine Mengen sind die davon verkauft werden und deshalb liegt die Hefe schon zu lange bevor sie bei den Hausbäckern ankommt. Deshalb verkaufe ich nur noch Hefe von meiner Presshefe. Die VKinnen bestellen abends 50 oder 100g und die Kundin holt sie sich am Morgen im Laden und bäckt dann erfolgreich Hefekuchen damit. Also meine Rat: Sucht Euch einen Bäcker der so kundenfreundlich ist etwas von seiner Presshefe abzuschneiden.

  13. …danke für die Info :D

  14. Hallo,
    ich habe mal wieder eine Frage….sollte man zum Hefestück auch noch etwas Zucker geben, oder empfiehlt sich das eher nicht?
    LG
    Marlene

  15. Das empfiehlt sich nicht, die Hefe soll richtig in Schwung koemmen, also nichts dran machen.

  16. …alles klar. Danke!

  17. Hallo!
    Kann von Milchbrötchenteig Milchhörchen machen?
    Ich backe viel und alles,nur wenn ich Brötchen backe,die werden nicht so wie im Bäckerrei. Ich weiß das im Bäckerrei
    gibst ganz andere Backoffen nicht wie zu Hause.
    Giebst welche Trück oder Tipp wie die Brötchen zu Hause backen?

  18. Hallo!
    Mein Sohn mag gerne Zimtbrötchen oder Zimtstange.
    Können Sie Tipp geben,wie man den Teig herstellen und die Zimtkrümelchen machen kann(die auf den Brötchen drauf ist)???
    Ich werde Ihnen sehr Dankbar sein.

    • Kann ich leider nicht, denn ich weiß nicht was das für ein Gebäck ist. Schau doch mal bei chefkoch.de
      Da findest Du bestimmt was.
      Sorry!

      • Guten Morgen!
        Bei Zimtbrötchen sind oval Form und der Teig änliche wie bei Milchbrötchen,nur oben kleine krümelchen aus Zimt ,Zucker…..
        Veilleicht können sie Tipp geben zur Teig und Haube(wie diese Krümelchen machen kann) der Brötchen?
        Ich vermute das Zimtstange wird aus gleiche Teig gemacht ,nur wird in Form der Stange gerollt.

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